Orgelbau Thomas Wälti

Wabern, Reformierte Kirche

2 Manuale, 14 Register

I. Manual
Prinzipal 8'
Hohlflöte 8'
Oktave 4'
Rohrflöte 4'
Oktave 2' (1)
Mixtur 2' 4fach
Trompete 8'
II. Manual
Gedackt 8'
Prinzipal 4'
Quinte 2 2/3'
Oktave 2'
Terz 1 3/5'
Zimbel 2/3' 2fach
Dulzian 8'
Tremulant
Pedal
Subbass 16'
Prinzipal 8' (2)
Trompete 8' (2)

(1) = Vorabzug Mixtur
(2) = Transm. HW

Koppeln II - P, I - P, II - I
Gestaltung Gehäuse: Patrick Thurston, Architekt Bern
in Zusammenarbeit mit Orgelbau Thomas Wälti, Gümligen

Disposition, Beratung: Andreas Scheuner
Intonation Jean Marc Pittet, Orgelbau Thomas Wälti

Die neue Orgel - ein gelungenes Werk
Es ist nicht alltäglich, dass eine Orgel in Co-Produktion mit Orgelbauer, Architekt und Organist entsteht, wie dies in der reformierten Kirche in Wabern der Fall war. Auch der Standort ist ungewöhnlich: während die meisten Orgeln in den Kirchen irgendwo versteckt werden, ist diese neue Orgel mitten im Geschehen des Gottesdienstes.

Das Erscheinungsbild der neuen Orgel in der reformierten Kirche Wabern ist ungewohnt. Der Stil ist zeitgenössisch und harmoniert mit dem neuen Mobiliar. Die Gestaltung des Orgelgehäuses ist nicht zufällig entstanden. Sie ist ein Resultat aus der langen und angeregten Zusammenarbeit zwischen dem Architekten Patrick Thurston und mir als Orgelbauer. Beim neuen Instrument sind keine schön aufgereihten Prospektpfeifen zu sehen. Dafür entdecken wir mehrere Schallöffnungen. Das Gehäuse ist aufgegliedert; in den Abmessungen der einzelnen Elemente finden wir harmonische Teilungen. So kann eine Öffnung zum Beispiel 3 Teile hoch sein und 2 Teile breit, also 3 zu 2. Das entspricht einer Quinte. Wird eine Saite bei 3/2 geteilt, so ertönt die Quinte; das gleiche funktioniert auch bei der schwingenden Luftsäule (Orgelpfeife). Die äussere Gehäuseabmessung ist im Goldenen Schnitt. Diese absolut harmonischen Proportion finden wir auch in der Natur, der Musik und der Kunst.

Ein ausgereiftes Werk
Wie ist nun diese interessante Gestaltung entstanden? In der Planungsphase haben wir verschiedene konventionelle Orgelprospekte ausgearbeitet. Die Orgel sollte sich stilistisch mit dem übrigen Mobiliar in den neu gestalteten Kirchenraum einfügen. So entstand eine sehr intensive Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Patrick Thurston und den Orgelbauern. Der Architekt entwickelte neue Ideen und zeichnete seine Vorschläge, wir Orgelbauer prüften, was möglich ist und unterstützten somit das Vorhaben. Das äussere Erscheinungsbild und das innere Werk müssen sinnvoll harmonieren aber auch praktisch und funktionell aufeinander abgestimmt werden. Beide Teile sollten eine Einheit bilden. Es war nicht einfach, die verschiedenen Ideen und die vorgegebenen Parameter zu einem ausgewogenen Ganzen zusammenzufügen. Nach unzähligen Sitzungen, Werkstattbesuchen beim Orgelbauer und Diskussionen im Architekturbüro, entstand ein ausgereiftes Projekt für den Neubau. Die neue Orgel ist ein gut durchdachtes und gereiftes Kunstwerk. Sie trägt die Handschrift des Teams. Wir sind erfreut, dass wir einen modern gestalteten und zeitgemässen Orgelprospekt realisieren durften, werden doch gerade im Orgelbau nach wie vor Stilkopien gebaut.
Bergholz aus der Region Giessbachtal
Das Orgelgehäuse ist ganz aus massivem Fichtenholz gebaut. Holz ist ein hygroskopischer Werkstoff. Lange gelagertes und getrocknetes Holz kann auch nach Jahren Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben. Es war kein einfaches Unterfangen, dem Schwinden und Quellen des Holzes Rechnung zu tragen. Von aussen sehen wir Dehnfugen, diese sind ebenfalls in der Fläche nach harmonikalen Gliederungen angeordnet. Die zusammengeleimten Bretter können sich, je nach Feuchtigkeitsgrad, bis über einen Zentimeter bewegen. Dazu entwickelten wir ein spezielles System, auf dem die Bretter gleiten können. Das Holz ist, zwischen 1200 und 1600 Meter über Meer gewachsen. Es stammt mehrheitlich aus dem Bauwald oberhalb Giessbach bei Brienz. Das Bergholz ist unter harten klimatischen Bedingungen (kurzer Sommer, langer Winter) und auf kargem Boden gewachsen und ist deswegen sehr feinjährig. Daher eignet es sich hervorragend für den Instrumentenbau. Wir verwenden das Holz sogar für Mechanikteile, den es besitzt ein nahezu ideales Verhältnis von Gewicht, Elastizität, Festigkeit und Formstabilität. Die Oberfläche des Gehäuses wurde mit Schmierseife behandelt. Die Schallöffnungen sind in drei verschiedenen Rottönen gefasst.

Bessere Liedbegleitung möglich
Die neue Orgel ist Teil der Möblierung, sie steht im liturgischen Zentrum. Im Gegensatz zum bestehenden Instrument auf der Empore, zeigt sie bewusst ihr anderes Aussehen. Das neue Werk klingt auch anders, denn sie wird vor allem bei kleiner Bestuhlung zum Einsatz kommen. Hier wird sie klanglich unaufdringlich ihre Nähe zu den Menschen aufzeigen können. Der Organist wird ebenfalls einen sehr direkten Kontakt zum Geschehen haben. Die neue Orgel besitzt 13 unterschiedliche Register. Die Pfeifenreihen klingen in verschieden Tonhöhen und Klangfarben. Die Zusammenstellung der Register, die Disposition, eignet sich in erster Linie für die barocke Orgelliteratur und die Liedbegleitung. Im Gegensatz dazu lässt sich auf der bestehenden Orgel, wegen ihrem grösseren Umfang, ein breiteres Musikrepetoire (zum Beispiel auch romantische Orgelmusik) interpretieren. Beide Instrumente sind unterschiedlich und haben ihre eigenständige Klangcharakteristik.

Orgel ist innen begehbar
In der Orgelfront ist der Spieltisch eingebaut. Die Orgel ist rein mechanisch gesteuert. Von den Tasten führen dünne Leisten (Abstrakten) zu den Ventilen in den Windladen. Die Anordnung der Windladen ist so angelegt, dass die Verbindungen der Spiel- und Registertrakturen möglichst kurz und direkt sind, um ein leichtes Spielen zu gewährleisten. Im Orgelinnern finden wir zwei Etagen. Im unteren Bereich sind die drei Windladen für die Pfeifen des Hauptwerks und des Pedals angeordnet. Oben steht die Windlade für das zweite Manual. Die Lager der Windladen bilden Teile des Gehäuses. Dass Äussere der Orgel entspricht also auch dem inneren Werkaufbau. Der Klang der Pfeifen des Nebenmanuals lässt sich bei Bedarf abschwellen. Die Wirkung wird durch mehrere Klappen im Gehäuse erreicht, so dass sich die Lautstärke dieser Pfeifengruppe mittels Fusspedal abschwächen lässt. Für die Wartung und Stimmung durch den Orgelbauer ist das Orgelwerk innen begehbar. Drei Bälge regeln mit je einem Ventil die benötigte Windmenge und sorgen für einen konstanten Winddruck.
Das Tannenholz der alten Kirchenbänke wurde teilweise im Orgelneubau wiederverwendet. Die Bretter konnten, nachdem sie auf die benötigten Stärken gehobelt und zugeschnitten wurden, für Laufböden, Kanäle, Stützen und Weiteres verarbeitet werden.
Mit Ausnahme der Metallpfeifen wurden alle Teile in der Werkstatt des Orgelbauers in Gümligen hergestellt. Die Orgel wurde vorgängig in zwei Etappen im Montageraum montiert und danach wieder abgebaut, bevor sie in der Kirche aufgestellt wurde. Erst danach erfolgte eine genaue, auf den Raum abgestimmte Intonation im Kirchenraum.

 

 

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